Meine Freundin erzählte mir neulich amüsiert, dass ihr 17-jähriger Sohn ChatGPT nur noch zutextet. Ohne Punkt, ohne Komma, einfach drauflos gesprochen.

Ich musste lachen. Bis mir auffiel: Ich mache das manchmal auch.

KI ist so selbstverständlich geworden, dass wir sie für jede Kleinigkeit anwerfen: Wann hat noch einmal das Restaurant nebenan auf? Wann lebte Napoleon?

Googeln reicht, sogar ohne KI.

Warum fragen wir nun aber immer häufiger eine KI? Stimmt mein Eindruck, dass Googeln oldfashioned ist?

Und Denken eventuell auch? Über die Napoleon-Frage dürfte man zum Beispiel gerne einen Augenblick nachdenken – einfach um sich vielleicht zu erinnern?

Erst mal die Zahlen

Die Zahl „KI verbraucht zehnmal so viel wie eine Google-Suche“ geistert überall rum. Quelle: eine Schätzung von 2023, mit längst veralteter Hardware gerechnet.

Das unabhängige Forschungsinstitut Epoch AI kommt aktuell auf rund 0,3 Wattstunden pro ChatGPT-Anfrage. Ungefähr das, was eine LED-Lampe in ein paar Minuten braucht.

Selbst die Internationale Energieagentur relativiert den Faktor 10 mittlerweile. Er hängt stark von der Art der Anfrage ab, und auch Google-Suchen laufen längst über KI.

Fazit: Keine Katastrophe pro Anfrage. Aber nur die halbe Geschichte. Denn es wird ja ordentlich KI-t. Laut einer Bitkom-Studie nutzen etwa 15 Prozent der Menschen in Deutschland ab 16 Jahren mindestens einmal täglich KI. Insgesamt verwenden 58 Prozent KI zumindest gelegentlich, 34 Prozent tun dies mindestens einmal pro Woche. Da kommt allein in Deutschland einiges zusammen.

Und wenn man dann noch „labert“, sind das verdammt viele LED-Lampen, die flackern. (Grob geschätzt: 71 Millionen Menschen in Deutschland sind über 16, davon nutzen 58 Prozent KI, macht rund 41 Millionen. 15 Prozent davon, also etwa 10,7 Millionen, nutzen KI täglich. Schon bei nur einer Anfrage pro Person und Tag sind das über 3.200 Kilowattstunden, täglich. Das ist der Jahresverbrauch von rund 800 Zwei-Personen-Haushalten.)

Strom ist aber nur die eine Seite. Die andere lässt sich nicht in Kilowattstunden messen.

Was das Zutexten mit dem Denken macht

Wenn ich eine Sprachnachricht an eine KI einspreche, drauflos, ungefiltert, ist das häufig der Beweis, dass ich vorher nicht nachgedacht habe. Dabei kann es ja nicht schaden, über die Napoleon-Frage nachzudenken – eventuell liefern die Synapsen dann so Dinge wie die Französische Revolution und den Aufstieg Napoleons und dann vielleicht auch die Erinnerung an ein paar Jahreszahlen… (die Antwort ist übrigens 1769-1821 – ich musste aber googeln).

Meine Vermutung: Tippen zwingt zu etwas mehr Struktur als einfach Losreden: Man ordnet, bevor man sendet.

Ein kurzer Moment des Nachdenkens vor der Anfrage würde allen helfen. Der KI, weil eine klare Frage weniger Rechenaufwand braucht als ein Gedankengewitter, das erst sortiert werden muss. Und mir, weil ich beim Präzisieren der Frage oft schon die halbe Antwort finde. Auch ein Hirn will trainiert werden.

Nicht nur „wie viel Strom kostet das“ ist die unbequeme Frage, sondern: Was verliere ich, wenn ich nicht mehr selbst versuche, meinen Gedanken zu sortieren, bevor ich ihn abgebe?

Ich will KI nicht verteufeln, ich nutze sie selbst oft und gern. Aber ich stelle mir inzwischen bewusst die Frage: Hätte eine Minute Nachdenken nicht gereicht, für die Antwort oder wenigstens für die bessere Frage?

Lasst es uns doch alle einmal ausprobieren!  Bevor wir die nächste KI-Anfrage abschicken, zehn Sekunden Pause:  Würde eine Suche reichen? Oder weiß ich es eigentlich sogar und bin nur faul?  Und wenn wir fragen: Tippe oder rede ich?

Ich freue mich, wenn ihr mir eure Gedanken oder Erfahrungen in den Kommentaren hinterlasst.

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