Meine Freundin erzählte mir neulich amüsiert, dass ihr 17-jähriger Sohn ChatGPT nur noch „zutextet“. Ohne Punkt, ohne Komma, einfach drauflosgesprochen.
Ich musste lachen. Bis mir auffiel: Ich mache das manchmal auch.
KI ist so selbstverständlich geworden, dass wir sie für jede Kleinigkeit anwerfen: Wann hat noch einmal das Restaurant nebenan auf? Wann lebte Napoleon?
Googeln würde reichen, sogar ohne KI.
Warum fragen wir aber immer häufiger eine KI? Stimmt mein Eindruck, dass Googeln schon old-fashioned ist? Und das Denken eventuell auch? Über die Napoleon-Frage dürfte man zum Beispiel gerne einen Augenblick nachdenken, einfach, um sich vielleicht zu erinnern.
Erst mal die Zahlen
Die Zahl „KI verbraucht zehnmal so viel wie eine Google-Suche“ geistert überall herum. Sie beruht auf einer älteren Schätzung von rund 3 Wattstunden pro Anfrage, gerechnet mit längst veralteter Hardware.
Das Forschungsinstitut Epoch AI kam 2025 auf rund 0,3 Wattstunden pro typischer ChatGPT-Anfrage. Ungefähr das, was eine LED-Lampe in ein paar Minuten braucht. OpenAI-Chef Sam Altman nannte im Juni 2025 in einem Blogbeitrag etwa 0,34 Wattstunden pro durchschnittlicher Anfrage, also eine ähnliche Größenordnung. Nachprüfen lässt sich seine Zahl allerdings nicht.
Aber: Es kommt stark auf die Anfrage an. Rechenintensive Aufgaben, etwa mit sogenannten Reasoning-Modellen, brauchen deutlich mehr Strom. Und auch die Länge zählt. Bei einer Eingabe so lang wie ein Zeitschriftenartikel schätzt Epoch AI schon rund 2,5 Wattstunden, also gut das Achtfache.
Fazit: Keine Katastrophe pro Anfrage. Aber nur die halbe Geschichte. Denn es wird ja ordentlich KI-t.
Laut einer Bitkom-Studie nutzen zwei Drittel der Menschen in Deutschland ab 16 Jahren zumindest gelegentlich generative KI wie ChatGPT, Microsoft Copilot oder Google Gemini. Ein Jahr zuvor waren es noch 40 Prozent.
Und wenn man dann noch „labert“, sind das verdammt viele LED-Lampen, die flackern. Grob geschätzt: In Deutschland leben rund 71 Millionen Menschen ab 16. Zwei Drittel davon nutzen KI, macht etwa 47 Millionen. Laut Bitkom sagen 18 Prozent dieser Nutzer, dass sie KI bereits häufig verwenden, das sind gut 8,5 Millionen Menschen. Wenn jeder von ihnen nur eine typische Anfrage am Tag stellt (0,3 Wh), sind das rund 2.600 Kilowattstunden täglich. Aufs Jahr gerechnet ist das so viel, wie mehrere hundert Zwei-Personen-Haushalte verbrauchen.
Strom ist aber nur die eine Seite. Die andere lässt sich nicht in Kilowattstunden messen.
Was das Zutexten mit dem Denken macht
Wenn ich eine Sprachnachricht an eine KI einspreche, drauflos, ungefiltert, ist das oft ein Symptom: Ich habe nicht kurz überlegt, was ich eigentlich wissen will. Dabei kann es ja nicht schaden, über die Napoleon-Frage nachzudenken. Eventuell liefern die Synapsen dann so Dinge wie die Französische Revolution und den Aufstieg Napoleons und dann vielleicht auch eine grobe Einordnung der Jahreszahlen … (die Antwort ist übrigens 1769 bis 1821, ich musste aber googeln).
Meine Vermutung: Tippen zwingt zu etwas mehr Struktur als einfach Losreden. Man ordnet, bevor man sendet.
Ein kurzer Moment des Nachdenkens vor der Anfrage würde allen helfen. Der KI, weil eine klare Frage weniger Rechenaufwand braucht als ein Gedankengewitter, das erst sortiert werden muss. Und mir, weil ich beim Präzisieren der Frage oft schon die halbe Antwort finde. Auch ein Hirn will trainiert werden.
Nicht nur „Wie viel Strom kostet das?“ ist die unbequeme Frage, sondern: Was verliere ich, wenn ich nicht mehr selbst versuche, meinen Gedanken zu sortieren, bevor ich ihn abgebe?
Ich will KI nicht verteufeln, ich nutze sie selbst oft und gern. Aber ich stelle mir inzwischen bewusst die Frage: Hätte eine Minute Nachdenken nicht gereicht, für die Antwort oder wenigstens für die bessere Frage?
Ein kleines Experiment für uns alle
Lasst es uns doch alle einmal ausprobieren! Bevor wir die nächste KI-Anfrage abschicken, eine kurze Pause:
Würde eine normale Suche reichen?
Weiß ich es vielleicht sogar und bin nur zu faul, es abzurufen?
Und wenn ich frage: Formuliere ich kurz und klar, oder texte ich einfach drauflos?
Ich freue mich, wenn ihr mir eure Gedanken oder Erfahrungen in den Kommentaren hinterlasst.
Quellen
- Epoch AI: How much energy does ChatGPT use? (2025)
- Sam Altman: The Gentle Singularity (Juni 2025)
- Bitkom: Künstliche Intelligenz in Deutschland, Studienbericht (Befragung 2025)
- Bitkom: Pressemitteilung „KI-Nutzung boomt, Angst vor Abhängigkeit vom Ausland groß“ (2025)





Ich tippe meist, weil mir die KI-Stimmen mit ihrer Pseudo-Zuwendung so auf den Keks gehen. Das hilft dann auch bei der Strukturierung der Frage. 58 % KI-Nutzung – das ist beachtlich. Merke: Boomer sind vielleicht gar nicht so retro …
Dem ist so. Ich kenne einige, die gar nicht so übel sind 🙂