Eigentlich sind die Herren Hunde ja ausgesprochene Machos. Täglich rasen sie mit Muscle-Shirt und dicker Goldkette durch „ihr Revier“ (andere würden es „unser Dorf“ nennen) und zeigen den anderen vierbeinigen Bewohnern, wer hier der Chef ist. Es wird gegockelt, stolziert und laut gebellt.
Unabhängig davon, dass auch hinter diesem wichtigtuerischen Gehabe nichts Wirkliches steckt, gibt es eine Sache, die aus den Angebern echte Angsthasen macht: Gewitter! Und das beginnt nicht erst mit dem Gewitter, sondern schon Stunden vorher, vermutlich sobald sich der Luftdruck verändert und damit ein Gewitter ankündigt.
Wer also in meiner Umgebung wissen will, ob in den nächsten zwei Stunden ein Gewitter naht, kann mich jederzeit anrufen. Meine Gewitter-Hunde-Frösche zeigen beide zuverlässig an. Sobald sich das Unwetter nähert, wird gehechelt, gezittert und zur Not auch leise gejammert.
Der eine sucht Nähe, der andere flieht
Sobald es dann losgeht, rettet sich William gerne ins Badezimmer. In die sonst gehasste Dusche. Aber aus irgendeinem Grund wird diese Dusche ganz toll, sobald es gewittert.
Voltaire dagegen will dann sofort auf meinen Arm. Das geht nicht immer, und außerdem sind 18 kg auch kein Zuckerschlecken. Schon gar nicht, wenn diese 18 kg zittern wie Espenlaub.
So habe ich schon alle möglichen Dinge ausprobiert: Mozart-Beschallung, Thundershirt, Gewöhnung durch Gewitter-CD (die interessiert die Herren gar nicht), und ich versuchte sogar schon einmal, ihnen zur Beruhigung Alkohol einzuflößen. Jedoch: Die Herren sind Anti-Alkoholiker. No way, dass das Zeug über ihre Zunge kommt. Und bevor ich hier nun wegen Tiermisshandlung angezeigt werde: Wir sprechen über Alkoholmengen in homöopathischen Dosen. Teelöffeln, in diesem Fall.
So abwegig, wie es klingt, ist die Idee übrigens nicht: Der Ulmer Tierarzt Ralph Rückert veröffentlicht seit Jahren eine Dosierungsempfehlung für Eierlikör bei silvesterpanischen Hunden. Er betont aber selbst, dass sie auf Erfahrungswerten beruht und keine tiermedizinische Dosierungsanleitung ist. Der eigentlich richtige Weg ist für ihn die rechtzeitige Beratung in der Tierarztpraxis, und es gibt sogar eine juristische Einschätzung, nach der Alkohol für Hunde gegen das Tierschutzgesetz verstoßen könnte. Wer darüber nachdenkt: bitte nur nach Rücksprache mit der eigenen Tierarztpraxis, mit genau berechneter Menge und nie nach Gefühl. Ich teile Rückerts pragmatische Haltung: lieber eine genau berechnete Notlösung als ein Hund, der stundenlang in Panik ist.
Die Wirkung des Duftes
Damals hatte ich mich auch mit ätherischen Ölen beschäftigt. Und probierte daher natürlich auch ein paar beruhigende Öle aus. Bei William brachte es gar nichts, bei Voltaire reduzierte sich zumindest das Herzrasen auf eine gefühlte Berliner Clubnacht. Immerhin. Aber natürlich probierte ich weiter.
Vor Kurzem wurde mir eine Mischung in die Hand gedrückt, die ich auch prompt testen durfte. Auf dem Rückweg aus einem Restaurant überfiel uns ein Gewitter. Überraschen konnte es uns ja nicht, da die Herren bereits zwei Stunden lang zitterten.
Wir liefen also durch Regen und Sturm, kamen klitschnass zu Hause an, und während die Jungs jammerten, fiel mir das Öl ein. Ich verrieb einen Tropfen zwischen meinen Händen und strich beiden über den Kopf. Bei Voltaire passierte genau nix. William dagegen legte sich hin … und schlief ein. Mitten im tollsten Gewitter. Nun bin ich ja von Natur aus eher misstrauisch.
Aber da das Wetter nett zu mir sein wollte, gewitterte es zwei Tage später gleich wieder (ich entschuldige mich dafür bei meiner Umwelt). Mit einem ähnlichen Erfolg: Auch wenn William nicht schlief, so wurde er doch merklich ruhiger. So warte ich nun aufs dritte Gewitter, um irgendwann einmal in meiner Aussage statistisch relevant zu sein. Und teste weitere Öle an Voltaire. Denn offensichtlich reagieren Hunde nicht alle gleich auf die unterschiedlichen Öle. Aber ich habe ja noch einige in petto, die mich hoffen lassen.
Und bevor jetzt jemand losträufelt: Ätherische Öle sind keine harmlosen Duftwässerchen. Manche, etwa Teebaumöl, sind für Hunde giftig, Katzen reagieren noch empfindlicher. Konzentrierte Öle gehören nie direkt aufs Tier, und vor dem ersten Versuch lohnt sich ein Gespräch mit der Tierärztin oder dem Tierarzt. Das gilt auch für starke Gewitterangst: Dafür gibt es inzwischen gute tierärztliche Hilfe.





0 Kommentare